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2014/04/10

Ja, ich will – gefragt werden

Wir sind ja modern, gell. Emanzipiert, domestiziert, kalibriert und EU-normiert. Aber eine ganz bestimmte Sache hätten wir Frauen gerne auf die alt hergebrachte Weise geregelt: Den Heiratsantrag. Gegenseitiges Einverständnis oder gar ein Kompromiss ist in Sachen Ehe keine Lösung. Schliesslich sind wir nicht verhandelbar. Wir sind kein Gebrauchtwagen, den man nimmt, wenn’s zum gleichen Preis noch einen Satz Reifen obendrauf gibt. Wir sind kein Kumpel, bei dem ein kurzes Nicken reicht, um zu wissen, dass man sich für den Rest des Lebens das Bier teilt. Der Grossteil aller Frauen ist sich einig – wenn’s ums Heiraten geht, möchten sie gern gefragt werden. Sie wollen gefragt werden, ob es ok ist. Ob es ok ist, dass Mann sie für immer behalten möchte. Ob es ok ist, dass Mann auch die Steuerformulare und die Verwandtschaft mit ihr teilt. Aber auch, ob sie sich seiner und ihrer eigenen Gefühle sicher genug ist. Frauen brauchen einen Heiratsantrag, weil sie wissen, dass sie ihn verdienen. Sie verdienen diesen einen Moment, in dem der Mann unter dieser tief verborgenen Angst leidet, er könnte ein Nein zur Antwort bekommen. Dieses bange Herzklopfen, von dem sie ihn nach scheinbar ewig andauernden Augenblicken mit einem Lächeln, einer Träne und einem Wort erlösen. Der letzte endgültige Beweis dafür, dass er alles für sie riskieren würde. Ja, wir wollen gefragt werden. Und wenn er der Richtige ist, dann sagen wir auch ja.

2012/01/31

Das Bermudadreieck des guten Geschmacks

Die Hochzeitsmesse. Ich war der Meinung, diese Veranstaltung würde mir reihenweise genötigte Männer zeigen, die verängstigt auf einer Welle von Tüll und Marzipan dahin treiben und ihren starren Blick auf den rettenden Notausgang richten. Weit gefehlt. Ich war überrascht wie weit. Aber dazu später mehr.
Nochmals zum Mitschreiben für alle Gerüchteköche: Ich habe nicht vor zu heiraten. Ich habe mich lediglich für ein Mal ins Getümmel von Heiratswilligen gestürzt, um sie zu beobachten. Allein der Umstand, dass man im heiratsfähigen Alter eine Hochzeitsmesse besucht, macht einem zur Zielscheibe der mehr als dreist agierenden Aussteller. Zwar bereitet man sich angemessen darauf vor, diverse ungewollte Anträge zu bekommen, aber es ist unmöglich das Grauen im Vorfeld in seiner Ganzheit zu erfassen. Für eine erste optische Irritation sorgt der pinke Stretch-Hummer, der frisch poliert am Eingang steht und einem auf subtile Art und Weise dazu animiert, auf dem Absatz Kehrt zu machen. Man schleicht sich vorbei an den Damen, die nach dem geplanten Hochzeitsdatum fragen und schon ergiesst sich eine Flut aus Drucksachen über das kleine unschuldige Herz, das ausnahmsweise vorgibt, jemand anderes zu sein. Braut-Magazine, ganze Bücher mit Adressen, Prospekte, Broschüren. Es wird davon ausgegangen, dass ich etwas will. Man nimmt also an, dass ich auftoupierte Brautmode genauso schätze wie zweitklassige Videoproduktionen, kitschige Fotoalben und verschnörkelte glitzernde Trauringe. Und obwohl ich die aufdringlichen Fragen verneine, wird mir eine Visitenkarte in die freie Hand gedrückt und auf eine grössere Broschüre einen Stand weiter noch eine kleinere obendrauf gepackt. Als ungeahnt schwierig entpuppt sich der Versuch, sich an der Ausstellfläche eines DJ-Konsortiums vorbeizumogeln. Ich werde gebremst und sehe mich im Nu in ein Gespräch verwickelt, in dem ich eigentlich der geschätzte potenzielle Kunde sein sollte und mich als angeschnauztes „Du“ wieder finde. Die Kür der Veranstaltung bestreitet eine Aneinanderreihung von wenig innovativer Hochzeitsgarderobe mit einem eingeschobenen Auftritt von fünf tanzenden Damen im Glitzerfummel. Quasi als Blick durchs Schlüsselloch eines gesitteten Junggesellenabschieds.

Ich hatte mir ursprünglich vorgenommen „männliches Verhalten in Stress-Situationen“ zu beobachten. Leider habe ich kaum welches gefunden. Ich bin davon ausgegangen, dass zukünftige Ehemänner mit psychischer und physischer Gewalt zu derartigen Veranstaltungen bewegt werden. Aber die vor Ort beobachteten Exemplare machten einen relativ entspannten und zufriedenen – wenn auch teilweise gelangweilten - Eindruck. Hochzeitsmessen scheinen auf Männer sogar eine besänftigende und versöhnende Wirkung zu haben. Oder wie erkläre ich mir sonst, dass mein Liebster auf einmal Ringe anprobiert?

2009/03/13

Dem Namen nach

Der Donnerstag kostet immer was. Seit ich denken kann, kostet mich der Donnerstag mehr Zeit, Geld, Nerven und Überwindung als jeder andere Tag der Woche. Diesmal waren’s 75.- und eine Viertelstunde. In meinem Fall kriegt man dafür die Erlaubnis, einen Nachnamen - den man schon mal kostenlos mit der Geburt erworben hatte - wieder zu führen. An diesem überaus durchschnittlichen Donnerstagnachmittag begebe ich mich also aufs Zivilstandsamt meines Amtsbezirkes. Ein Ort, wo sonst viele Menschen paarweise aufmarschieren. Sie kommen konkubiniert und gehen verehelicht. Ich nicht. Ich komme, bleibe eine Viertelstunde und gehe wieder. Die Viertelstunde beginnt mit der Begrüssung durch eine eulenhafte Beamtin, die mich mit meinem durch Heirat erworbenen Namen anspricht. Sie krallt sich meine Ausweispapiere und mein Scheidungsurteil und verschwindet hinter einem Bildschirm, der sich in ihrer Brille spiegelt. Sie ist ein Freak. Von ihr verheiratet zu werden muss sich anfühlen wie eine Mischung aus Waldweihnachten und Teenie-Horror-Streifen. Eule.
Ich setze mich an einen kleinen runden Tisch, wo zwei Tageszeitungen und ein Wochenblatt liegen. Ich nehme mir das Wochenblatt und blättere darin. Wochenblätter sind mir lieber. Die haben mehr Distanz zur Schnellebigkeit. Die haben Zeit, um Informationen zu verarbeiten und zu filtern. Wochenblätter sind was tolles. Ich blättere von hinten nach vorne und bleibe an der Fotoseite des Regionalspitals hängen, wo sämtliche Neugeborenen der letzten zwei Monate mit Bild und Namen aufgeführt sind. Diesmal schenke ich den Nachnamen mehr Beachtung als sonst. Ich finde gerade mal Zeit um zu entscheiden, welche Babys ein schweres Los mit ihrem Namen haben werden. Die übliche Einteilung in die Süss- und die Hackfressen-Sparte wird vom Andackeln der Eule unterbrochen. Sie bittet mich, ein Formular mit meinen Personalien zu überprüfen und ich unterzeichne mein Einverständnis zur Namensänderung – mit meinem neuen Ex-Namen. Da steht es und starrt mir ins Gesicht: Das „da war doch noch was“-Gefühl, das einem beschleicht wenn man einen entscheidenden Punkt an einer Sache übersehen hatte. Die Unterschrift! Ich erinnere mich gut, wie ich Wochen vor der Hochzeit eine neue Unterschrift mit meinem zukünftigen Namen ausgetüftelt hatte. Die musste was hermachen. Schliesslich muss man auf dem Standesamt bereits mit dem neuen Namen unterschreiben. Unglaublich viele Bilder und Gedanken rasen an mir vorbei. Das ist doch nicht rechtens! Da verlangen die von einem, bereits mit dem neuen Namen zu unterschreiben, wo man diese Lebensentscheidung doch unter dem alten getroffen hatte. Ein so frisch neu benannter Verstand ist doch noch nicht urteilsfähig! Genau das ist die verfluchte Lücke in diesem System!!! Man ist in diesem Moment der Unterzeichnung mit einem neuen Namen nicht Herr seiner Selbst. Noch nicht! Es sind Sekundenbruchteile, in denen mir dies bewusst wird und ich schlucke meine Erkenntnis herunter, um die Eule nicht mit einem verachtenden Blick zu strafen. Sie sagt mir, dass das fünfundsiebzig Franken mache und noch mal fünfundzwanzig, wenn ich eine schriftliche Bestätigung bräuchte. Ich lehne dankend ab, zahle hundert, bekomme fünfundzwanzig und einen blau bedruckten Kassabon zurück, nehme meine Papiere wieder an mich, verabschiede mich und gehe. Diesmal gibt’s kein übertriebenes Händeschütteln, keine Glückwünsche, kein Ringkissen und keinen Blumenstrauss. Auf dem Weg zur Tür hallt mir das „auf wiedersehen Frau Baur“ nach. Na sieh mal einer an. Für den stattlichen Stundenlohn der Zivilstandsbeamtin ist sogar eine angepasste Verabschiedung drin. Auf dem Weg zum Wagen stelle ich mir kurz eine mögliche neue Unterschrift vor und verwerfe sie wieder, weil sie mir schon in Gedanken nicht gefällt. Auf der Heimfahrt überlege ich mir, welcher Nachname in meiner Todesanzeige stünde, wenn ich jetzt – genau jetzt – in den vor mir fahrenden pinken Betonmischer krachen würde.

2007/10/30

Gefühle unter dem Hammer

Was tut man mit schmerzlichen Erinnerungen? Mit Gegenständen und Reliquien aus früheren Zeiten, die einem heute nur noch Tränen in die Augen treiben oder Zornesfalten in die Stirn kerben? Abgesehen von verbrennen, zerstückeln, kleinscheiten, drüberurinieren, verschenken, im Wald aussetzen oder drogensüchtigen Obdachlosen in die geklauten Supermarkttüten schmuggeln? Richtig - wir versteigern den ollen Krempel auf einem strak frequentierten Internet-Auktionsportal. Wegwerfartikel Nummer eins - mit der höchsten Schmerzensrate, den meisten unerfüllten Wünschen und den grössten Enttäuschungen verbunden: das Hochzeitskleid. Einst glamourös, auf den Leib geschneidert und durch die rosa Brille bestimmt hundertfach hübscher als für jeden anderen anzusehen. Jede Frau, die eins davon getragen hat, durfte einen Tag lang die Schönste sein, hat darin vor lauter Aufregung geschwitzt und sich übergeben, Wein und Champagner darüber gekippt und es zu später Stunde mit mehrstöckiger Torte bekleckert, bevor sie dann darin über die vielbesagte Schwelle getragen wurde. An Brautkleider sind Mädchenträume geknüpft und die Illusion eines Prinzen, der einem bis zum bitteren Ende auf Händen trägt. Ein Mann für den Frau jeden Tag die Schönste ist, der mit ihr tanzt auch wenn die Musik schon lange nicht mehr spielt und der trotz zerzauster Haare und Schlabberpulli jederzeit ja zu ihr sagen würde. Und dann, eines weniger schönen Tages sitzt eine Frau am Bildschirm und ringt sich die letzten guten Worte für ein Kleid ab, das einst Sinnbild für ihre Träume war. Für diesen Schritt gibt es zwei gute Gründe. Hör mal, Schatz - ich kann mich von meinem Brautkleid trennen. Nein, es ist wirklich keine grosse Sache. Der alte Fetzen verstaubt doch nur im Schrank und ich weiss doch wie dringend wir das Geld brauchen. Ja, ich liebe dich auch. Das ist die zwar nicht ganz so romantische Variante, aber sie zeugt mehr als zuvor von Hingabe und das Verwirklichen gemeinsamer Ziele. Das zweite Motiv, sein Brautkleid zur Ramsch-Auktion freizugeben, ist wesentlich finsterer. Ich habe den Scheisskerl geliebt - das hat er nun davon. Ich ergaunere mir die letzten paar Scheine, die sich aus unserem gemeinsamen Elend noch rausquetschen lassen. Und dann verpiss dich, elende schmerzliche Erinnerung - ich bin ein neuer Mensch und lasse mich nicht von alten stofffetzen knechten. Fünf Minuten später gesellt sich ein neues Angebot zu den hunderten von ausrangierten Brautkleidern ins Auktionsportal. Das Foto - wie bei allen anderen - aus dem Brautmodekatalog oder aus dem persönlichen Hochzeitsalbum. Erinnerungen an einen sonnigen Mai-Tag, geprägt von abgeschnittenen Köpfen, schwarzen Balken und lieblos wegretuschierten Gesichtern. Was bleibt ist der Preis, der sich aus Neupreis und mehr oder weniger grosser Enttäuschung ableiten lässt. Eine nüchterne Zahl als Verkaufswert seiner tiefsten und geheimsten Wünsche.